Wäre ich ein junger Mensch, würde ich mich heutzutage von einer Tragödie um einige Jugendliche, die in der wilhelminischen Zeit für großen Aufruhr sorgte, nicht beeindrucken lassen.
Würde ich jedoch in einer sonst gewöhnlichen Unterrichtsstunde von einer Geschichte hören, die von jungen Menschen erzählt – einer Gruppe von Freund:innen, die sich aus dem sensiblen Moritz, dem Überflieger Melchior, der wissbegierigen Wendla, der rebellischen Martha, der polyamorösen Ilse sowie der in Mädchen verliebten Ina zusammensetzt – dann wäre ich schon neugieriger.
Und würde ich dann erfahren, wie diese Gruppe von Freund:innen gegen die herrschenden Umstände versucht, sich gemeinsam in einer einengenden Welt zu behaupten – dann wäre ich nicht nur neugierig, sondern sogar berührt.
Die Spielenden des Literaturkurses der Q1 waren so berührt – und mit der Zeit ihrer Beschäftigung damit vielleicht sogar ergriffen – von „Frühlings Erwachen“, dem 1891 erschienenen Dreiakter von Frank Wedekind, der trotz seines Alters eine geradezu zeitlose Aktualität entfaltet. Denn die im Stück aufgeworfenen Fragen wie „Wer bin ich?“, „Wie bin ich?“, „Bin ich schön?“, „Wen liebe ich?“, „Was ist Sex und wie geht er?“ beschäftigen jede Generation, die in der Pubertät nicht nur von den Hormonen durcheinandergebracht wird.
Die Zerrissenheit der Figuren ernst zu nehmen, ohne sich der Schwere der Situationen zu ergeben – sensibel suchend und immer wieder den feinen und entlastenden Humor zu erspüren, das war es, was sich der Kurs mit seiner Inszenierung des Stückes vorgenommen hatte. Eine zu große Aufgabe für nur ein Ensemble, daher gab es für die tragenden Rollen immer gleich zwei Besetzungen aus den Reihen der Schüler:innen des Literaturkurses.
Schon in der Anfangsszene zeigt uns Wendla (Emily Marx/Joeleen Klein), welchen Kräften ein junger, sich entwickelnder Mensch ausgesetzt ist. Da ist ihre Beziehung zur Mutter (Silja Jäger/Hannah Ahlbrecht), deren Ansprache zwar fürsorglich ist, zugleich aber auch durch ihren restriktiven Charakter in der Tochter das Verlangen nach Abgrenzung erregt. So wie ein sich entpuppender Schmetterling – im eingespielten Videoclip passend untermalt durch den gleichnamigen Titel der Band „Team Scheiße“ – strebt auch Wendla nach Weiterentwicklung, Verwandlung, ja Selbstermächtigung. Das gezeigte Schminkritual wird dabei durch die Musik nicht nur illustriert, sondern kommentiert – die Oberfläche der Szene bricht auf und macht die darunter liegende Spannung zwischen Fremdbestimmung und eigener Identität auch hörbar.
„Moritz, bist du etwa in ein Mädchen verliebt? Warum sagst du es ihr nicht einfach?“ fragt der chronische Gewinner Melchior (in beiden Ensembles gespielt von Janek Samson) unverblümt seinen besten Freund. Der Schulversager Moritz (Maxim Ritter/Jason Nießen) hingegen kann mit diesem Vorschlag nichts anfangen – zu sehr leidet er unter dem Druck, den die Angst vor dem Versagen in der Schule und die unerfüllbaren Erwartungen seines alleinerziehenden Vaters (Andrei Florea/Aaron Fischer) erzeugen. All seinen fehlenden Mut zusammennehmend verfasst er dennoch eine für alle sicht- und hörbare Nachricht an seinen Crush Ilse (Hannah Lenz/Malina Zirkus) und führt damit vor Augen, wie auch unter den Jugendlichen Druck ganz anderer Qualität entsteht. Melchiors gut gemeinter Vorschlag „Komm, ich zeig dir alles, hab alles gecheckt und durchblickt“ fundiert auf der vermeintlich totalen sexuellen Freiheit, die aber lediglich in allgegenwärtiger Pornographie beruht, und lähmt Moritz eher, anstatt ihn zu beflügeln.
Emilia Reintgen verkörpert mit Martha eindrucksvoll eine daheim misshandelte, zugleich jedoch erstaunlich resiliente junge Frau. Ihrer Unterdrückung entflieht sie vor allem in Gedanken, deren Gefährlichkeit sich nicht in einem nachvollziehbaren Wunsch nach Zerstörung, sondern vielmehr in der tiefen Sehnsucht nach genuiner Nähe und Liebe zeigt. Einer Sehnsucht, die im Stück von Ilse und Ina (Luisa Thur/Emily Walther) zwar zaghaft, aber wahrhaftig aufgenommen und reflektiert wird.
Dem gegenüber stehen Melchiors Eltern (Robin Bell/Freyia Pardeyke//Klara Terstappen/Kiara Scripcaru), die den eigenen „Gewinnersohn“ zwar stolz betrachten, seine Freundschaft zu dem sensiblen Moritz jedoch eigentlich nur dulden. In einem Moment der Selbstüberschätzung fasst sich Melchiors Mutter jedoch ein Herz und verfasst eine an Moritz gerichtete und ermutigend gemeinte Nachricht, deren Entstehung in Echtzeit durch eine Projektion sichtbar gemacht wird. Und verdeutlicht, wie unbedingt, aber zuweilen auch hilflos Erwachsene sich in die Angelegenheiten von Jugendlichen einzumischen pflegen.
Auch die Lehrenden (Max Mahlberg und Johannes Ortmann) treten als prägende Instanz auf: Im Lehrerzimmer kippt pädagogische Verantwortung in Spott und Härte. Getragen von einer schauspielerischen Glanzleistung erheben sich die Figuren über die vermeintliche Unwissenheit und Unzulänglichkeit der Schüler – insbesondere über die von Moritz – und ersticken die empathischen Regungen einer einzelnen Lehrerin (Leah Bildstein/Emily Schmidt), die vor ihren Kollegen mit verzweifeltem Blick kapituliert.
Bereits in der Originalfassung enthalten ist das eingeschobene Märchen von der „Königin ohne Kopf“. Das scheinbar randständige Motiv wird in der Inszenierung des Literaturkurses aufgegriffen und neu verortet: In Form eines simplen, aber beeindrucken kreativ animierten Comics pointiert die Erzählung das Bühnengeschehen. Damit gelingt es die eher surreale Geschichte nicht nur als Zitat zu verstehen – nein, sie wird zum bildhaften Echo der jugendlichen Orientierungslosigkeit und dem Wunsch aller nach erfüllenden Beziehungen, ja der Sehnsucht nach geteilter Liebe, welche das Stück immer wieder charakterisieren.
Im Zentrum dieses Themas steht schließlich Wendla, deren neugierige, zugleich naive Annäherung an Melchior in einer angedeuteten Intimität mündet, die zunächst für belustigtes Raunen sorgt – und kurz darauf in Bestürzung kippt: Wendla ist schwanger – während Melchior sich, sichtbar überfordert, der Verantwortung entzieht. Der Grat zwischen tastendem, aber freiem Erkunden und existenzieller Krise ist ein schmaler.
Parallel dazu verlagert sich das Geschehen in einen Club: Zu dröhnender Musik tanzen sich die Jugendlichen in einen rauschhaften Zustand, der gleichzeitig Befreiung und Eskapismus darzustellen scheint. Moritz gerät dabei wieder in den Fokus – von der überdrehten Ilse mitgerissen, verliert er sich im Exzess und stirbt schließlich. Dabei verkörpert dieser Moment mehr als nur den physischen Tod einer Figur, repräsentiert er doch vielmehr eindringlich die Überforderung einer Generation, welche zwischen Erwartungsdruck, Unwissen und dem Wunsch nach Selbstbestimmung zerrieben wird. Gerade in dieser Zuspitzung zeigt die Inszenierung, dass die Themen des Stücks aktuell geblieben sind. Mehr als ein Jahrhundert nach der ursprünglichen Veröffentlichung und Aufführung hat die Tragödie nichts von ihrer Aussagekraft und Dringlichkeit verloren – lediglich die Ausdruckweise der Protagonist:innen und die Ausdrucksform der Darstellung haben sich verändert.
Das Schlussbild schließlich bündelt all diese Eindrücke in einer ruhigen, beinahe entrückten Szene: Zu „Where Is My Mind“ von den Pixies treten die Figuren nacheinander auf die Bühne, als würden sie sich ein letztes Mal selbst betrachten. Mit gemeinsamer Stimme halten sie schlicht fest: „Das war unser Frühlings Erwachen.“ In diesem Moment löst sich das Geschehen aus der Darstellung und wird zur Selbstvergewisserung. Es ist nicht mehr nur Wedekinds Drama, das hier erzählt und gespielt wird, sondern das der Spielenden selbst – ihre ganz eigene Auseinandersetzung mit Identität, Druck und der Zeit des Erwachsenwerdens. Sie weist über die Bühne hinaus und hallte bei allen nach, welche Zeug:innen der Aufführung waren.
Text: Rebekka Bongart

















