Kultur- und Denktag!

Eine vielfältige Gesellschaft ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern des Gelingens: Wo mehr Menschen mitreden, entstehen mehr Perspektiven – und damit auch mehr Konflikte. Diese Konflikte sind kein Probleme, die man vermeiden muss, sondern der Preis und zugleich die Voraussetzung einer lebendigen, demokratischen Gesellschaft. Am Kulturtag in der Gesamtschule Eifel, der nun schon zum vierten Mal stattfand, sind eben jene Perspektiven unterschiedlichster Art mal genau in den Blick genommen worden und das wieder einmal außerhalb der fest vorgegebenen Unterrichtsstruktur des Schulalltags.

So begegnete die Jahrgangsstufe 5 in unterschiedlichster Ausprägung Geschichte und Kultur, zum einen im Museum Tutanchamun, dem berühmten alt-ägyptischen Pharao. Diese Ausstellung zeigt, wie Menschen vor über 3 000 Jahren gelebt, geglaubt und ihre Welt gestaltet haben. Sie erklärt Dinge über Religion, Kunst, Handwerk und das damalige Alltag- und Herrscherleben. Kultur bedeutet ja: zu verstehen, wie andere Menschen früher und anders gelebt haben – und warum das für uns heute wichtig bleibt. Es fanden auch Besuche in der Stadtbibliothek statt, dort, wo zwischen Buchdeckeln geflüstert, gestritten, geliebt und gehasst wird ganz ohne Lehrplan und Lärm.

Gegessen und gekocht wurde auch, kulturelle Vielfalt entdecken in Pasta, Linsen Daal und Pita. Wer möchte da nicht dabei sein? Die 7c war sicherlich an diesem Tag der heißbegehrteste Besuchsort in der Schule.

Die Jahrgangsstufen 8 und 10 haben sich auf den Weg nach Bonn gemacht, um im Kuppelsaal des Jungen Theater Bonn die Aufführung „Die Schatzinsel“ zu sehen. Robert Stevensons erzählt die Abenteuergeschichte des Jungen Jim Hawkins, der durch eine geheimnisvolle Schatzkarte in eine Welt aus Piraten, Seereisen und Gefahren hineingezogen wird. Gemeinsam mit anderen Abenteurern sticht er in See, um den Schatz des Piraten Flint zu finden. Dabei merkt Jim schnell: Nicht alle Helden sind gut und nicht alle Bösewichte eindeutig böse. Am Ende geht es nicht nur um Gold, sondern um Erwachsenwerden, moralische Entscheidungen und Verantwortung. Auch hier spielt die kulturelle Kraft des Theaters eine große Rolle: Die Schatzinsel als einen spannenden Abenteuerroman – aber auch reflektiert zu lesen: als Produkt seiner Zeit, das Abenteuerlust weckt, aber auch Fragen nach Macht, Besitz und kolonialem Denken aufwirft.

Der gesamte Jahrgang 9 begab sich auf eine Exkursion nach Vogelsang. Hier erhielten sie einen Einblick in die nationalsozialistische Ideologie und erfuhren viel über das Menschenbild und den geforderten unbedingten Gehorsam der jungen Männer in der damaligen, von der NSDAP geführten, Ordensburg. Historische Orte wie diese tragen unbedingt auch dazu bei, die kritische Auseinandersetzung mit den menschenfeindlichen Ideologien der Nationalsozialisten zu fördern, um sie auf die Gegenwart und das Verständnis und vor allem die Verantwortung für unsere Demokratie zu projizieren und zu schützen.

Die am Standort Nettersheim ansässige Oberstufe begann den Tag mit einem Workshop zum Thema Migration. Dieser wurde nicht als reine Infoveranstaltung angelegt, vielmehr als philosophische Denkbewegung, Migration sollte nicht nur erklärt, sondern verstanden und auch befragt werden. Die Erarbeitung zentraler Fakten diente nicht nur der Wissensvermittlung, sondern erfüllte eine aufklärerische Funktion im Sinne Karl Poppers: Nur eine informierte Gesellschaft kann offen bleiben. Und Fakten als Voraussetzung kritischen Denkens bilden eine wesentliche Antriebsfeder in Debatten, die unter der Schülerschaft in unterschiedlicher Ausprägung stattgefunden haben. Dass Migration auch hier als ambivalentes Phänomen, das Chancen und Konflikte zugleich erzeugt, diskutiert wird, wird im Anschluss in der Präsentation durch den Soziologen Aladin El-Mafaalani bestätigt als Merkmal einer gelungenen, pluralen Gesellschaft.

Den philosophischen Kern des Workshops bildete das Gedankenexperiment, wie eine Welt ohne Migration aussähe. In der Diskussion wurde deutlich, dass sie bei aller scheinbaren Stabilität doch eher stagnierend, homogen und politisch gefährlich werden könnte. Denn geschlossene Gesellschaften versuchen, Veränderung zu verhindern und unterdrücken somit Kritik, Fortschritt und das Lernen. Im Anschluss an diesen Workshop machten sich die unterschiedlichen Jahrgangsstufen auf den Weg ins Kino42, einem wunderbaren Ort in Nettersheim, der sicherlich nicht das letzte Mal von uns besucht wurde. Im Vorfeld des Kulturtages einigte man sich schnell auf die Dokumentation „Kein Land für Niemand“, radikalisiert dieser Film doch die vorangegangenen Überlegungen, indem die theoretische Frage nach Migration in konkrete Bilder und Geschichten übersetzt wird. Der Film zeigt Menschen, die sich bewegen müssen, weil politische, wirtschaftliche oder ökologische Bedingungen ihnen keine Wahl lassen. Damit knüpft er direkt an die Überlegungen der Schüler:innen an: Die Rechtlosigkeit von Staatenlosen an, denn wer keinen Ort hat, an dem er politisch gehört wird, verliert mehr als nur ein Zuhause – er verliert Sichtbarkeit. Kulturelle Bildung wird hier für die Oberstufe der Gesamtschule Blankenheim relevant, weil Workshop und Dokumentation zeigen, dass Verstehen nicht bei Fakten endet, sondern dort beginnt, wo junge Menschen lernen, andere Lebenswirklichkeiten wahrzunehmen, auszuhalten und als Teil ihrer gemeinsamen Welt zu begreifen.

Text: Rebekka Bongart